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Kurzumhang, ausgehendes 15. Jh, Schweiz

Einige Gedanken

Ich wollte endlich meine "Garderobe" einer Frau (wie ehrenvoll auch immer) des späten 15.Jhs auch für die kühlere Jahreszeit ausrüsten und etwas "Mantelartiges" nähen. Beim Durchstöbern von Bildern aus dem heutigen schweizerischen und süddeutschen Raum stiess ich - natürlich neben Überkleidern, der gängigen Kaltwetterkleidung (z.B. Burgunderchronik 285) - auf unterschiedliche Varianten für wärmende Überbekleidung der Frau. Die populärsten sind folgende:
1. Lange schleppende Mäntel, bzw. Umhänge (z.B. Berner Schilling 3, 100). Die Quellen legen es aber nahe, dass diese von den Malern den reicheren Damen, wie eben jenen im Berner Twingherrenstreit, angelegt wurden.
2. Schauben (z.B. Martin Schongauer, Frau mit Einhornwappen, Link zu Myra), also Mäntel mit Ärmeln, nur vorne am Hals geschlossen. Sie wurden auf Bildern sowohl von Frauen, als auch von Männern getragen. Die meisten Schauben von Frauen sind ebenfalls überbodenlang dargestellt.

3. Kurzumhänge. Diese scheinen zunächst eine Kleidung für Männer gewesen zu sein. In den Schilling Chroniken werden sie v.a. an jungen Männern gezeigt (z.B. Berner Schilling 3, 100). Da auch der eine Sohn von Rudolf von Erlach, dem Auftraggeber des Spiezer Schillings, einen solchen vorne geschlossenen Kurzumhang trägt, ist zu vermuten, dass diese Mantelvariante für Knaben als modisch galt.
Im Spiezer Schilling 539 tragen zwei der "Pfaffendirnen" (Geliebte von Geistlichen) einen solchen Kurzumhang. Die Umhänge werden vorne am Halsausschnitt geschlossen dargestellt (bei den Herren auch über der Schulter). Vielleicht sind solche Umhänge, zumindest für Frauen, die billigere Variante der langen Mäntel, vielleicht will der Maler des Bildes die Frauen hier aber auch durch diese "männlichen" Umhänge als unehrenhaft darstellen?

Umsetzung

Ich habe mich noch beim Bilderbetrachten für das Nähen eines Kurzumhangs entschieden. Er wärmt vermutlich fast so wie ein langer Umhang, er hat aber den grossen Vorteil, dass man nicht darauf steht und man die Hände auf den Seiten unter dem Umhang hervorstrecken kann, will man doch per Zufall etwas arbeiten. Ausserdem kann er von einer Frau, aber auch von Jungsöldner Hannes getragen werden.

Meine ungefähre Schnittzeichnung für das Mantel-Projekt sah folgendermassen aus:

Meine Umhang-Variante ist aus grüner Mantelwolle gemacht. Sie ist ganz von Hand mit ungebleichtem Leinenfaden genäht. Der Mantel ist zunächst halbrund zugeschnitten. Aus dem Rest des Stoffs habe ich zwei Keile zugeschnitten und eingesetzt. Dies hat zwei Vorteile: Erstens wird durch sie nahezu ein Kreis erreicht, was die charakteristischen Falten gibt und es ermöglicht, den Mantel vorne wirklich zu schliessen. Und zweitens hatte ich so praktisch keine Stoffresten. Gefüttert habe ich den Umhang nicht. Ich habe lediglich die vordere Seite mit ungebleichten Leinenstreifen vertärkt. Geschlossen wird der Umhang ganz gemäss den Bildern nur mit einer Brosche vorne.

INC 2006